Auf der Suche nach Alternativen
Man könnte meinen, es sei ein goldener Oktober gewesen, der gerade vorüber gegangen ist: strahlend blauer Himmel, Sonne satt, Temperaturen (zumeist) erträgliche 25-35°C, manchmal auch bis um die 40°. Der zurückliegende Winter in der südlichen Hemipshähre brachte zwar – seit den letzten sieben Jahren erstmals – (relativ) viel Regen, aber der eigentliche Frühlingsmonat Oktober stellte schon wieder einen neuen Rekord auf: Nach nun mehr als vier Wochen mit – „gefühlt“ – so gut wie keinem Regen vertrocknet der Rasen vor unserem Haus und in den Parkanlagen von Adelaide bereits jetzt im Frühling, und die Erde zeigt die ersten Risse in einem steinhart trockenen Boden.
Dieser Artikel berichtet von drei Inititativen hier in Adelaide, die sich aus sehr unterschiedlichen Perspektiven Gedanken über Alternativen machen.
Eine Fahrt durch das Land – zum Beispiel in das „fast-immer-grüne“ Ausflugsgebiet der Adelaider, die Fleurieu Peninsula südlich der Adelaide Hills, oder in das berühmte Weinanbaugebiet „Barossa Valley“ – zeigt die ersten braunen Felder und ausgetrockneten Wiesen. „Die Weingüter,“ sagt ein Freund, „machen das Barossa zu einem immergrünen Tal!“ und schwärmt von der traumhaft schönen Natur. Naja, denkt sich die deutsche Seele, ich würde mir eher die saftig-grünen Wiesen von Norddeutschland oder die Mischwälder der Taunus wünschen. Auch der Landwirt in unserer Grossfamilie, ein Schafzüchter und Weinbauer im Barossa, macht sich versteckt Sorgen: Die Wassertanks für ein paar hundert Tausend Liter Regenwasser auf seiner Farm sind ziemlich weit „unten“, und auf vielen Feldern liegen grosse Ballen von Weizen und Gerste als teures Viehfutter.
In der Tat, für den Einwanderer bedeutet es eine handfeste Umgewöhnung, in diesem Land zu leben. Nicht nur gibt es verblüffende Unterschiede in Sachen Kultur und Wirtschaft, auch die Mentalität der Einheimischen gegenüber ihrer Umwelt unterscheidet sich erheblich. Nein, ich will hier nicht in einen Lobpreis auf den deutschen oder europäischen Umweltschutz ausbrechen … zu viel ist da noch zu tun. Aber hier, im „lucky country“, scheint nicht nur die Sonne von einem tiefblauen Himmel für rund 320 Tage im Jahr, auch das Bewusstsein gegenüber der Natur ist eher geschönt.
Ausserhalb der grossen Städte wächst jedoch die Besorgnis um die Umwelt dramatisch. Das grösste Flusssystem, der Murray- und der Darling-Fluss, das die drei bevölkerungsreichsten Bundesländer mit Trinkwasser versorg, steht vor seinem Aussterben (murrayriverrescue.com.au). Während der Darling River über weite Strecken schon ausgetrocknet ist, versalzt das Mündungsgebiet des Murray River (südlich von Adelaide) zunehmend und bedroht das Überleben einer ganzen Reihe von flussnahen Ansiedlungen und Farmen, nicht zu reden von Flora und Fauna.
Für den ausländischen Beobachter macht sich in Australian nur verblüffend langsam das Bewusstsein breit, dass hier lokale und globale mit sozialen und ökonomischen Faktoren zusammenspielen, die die “lucky people” hier schnell überrollen könnten. Zwar hat die neue Labour-Regierung unter Kevin Rudd als eine ihrer ersten Aktionen anfang 2008 das Kyoto-Protokoll unterzeichnet, aber fundamentale Anpassungen in Politik und Wirtschaft stehen in diesem Land der vielen Autos noch aus.
Ansätze auf lokaler Ebene werden zwar seit den späten 70er Jahren mit ökologischem Landbau („perma culture“, permaculture.com.au) oder dem alternativen Baustil von Siedlungshäusern (z.B. aldinga-artsecovillage.com.au) versucht, aber ein systematischer Wandel ist nicht zu erkennen (Solar-Anlagen für die dezentrale Gewinnung von Strom und Heisswasser werden beispielsweise bislang als „zu teuer“ abgelehnt).
Einige Initiativen hingegen befassen sich bereits mit einem grundsätzlichen Paradigmenwechsel, von denen ich zwei hier in Adelaide kurz vorstellen will. Vor einem Jahr bildete sich eine Diskussionsgruppe von (ehemaligen) Grünen, Marxisten, Labour-Mitgliedern und anderen Interessierten, die auf hohem intellektuellen Niveau Ansätze eines politisch-ökonomischen Systemwechsels diskutieren („EcoSoc“). Von einer gänzlich anderen Perspektive her, nämlich als Christen, feiern Christen aus allen Konfessionellen den Sonntagsgottesdienst im „Botanischen Garten Adelaide“ („EcoFaith“) und die “Season of Creation” in den Gottesdiensten verschiedener Konfessionen.
Seit genau einem Jahr trifft sich das „Adelaide Ecosocialist Network“ (Blog: theecosocialist.word press.com) monatlich in Form von öffentlichen Konventikeln „rundum“ in den Häusern seiner Mitglieder. Willkommen ist jeder, der oder die sich für einen politischen Systemwechsel zugunsten der Umwelt engagiert. Der Inititiator, John Rice, stellt diese Initiative so vor:
„We believe that solving the world’s environmental and social problems, which are inextricably linked, will require a mobilisation of communities of such magnitude that it will necessarily be a political process. The dominant global business interests have, over the decades, created these problems we face, and they are not likely to readily adopt the necessary solutions. It will take concerted political pressure exercised by majorities around the world to bring about the needed changes. This will involve struggle against vested interests, powerful institutions and ways of doing business. Big capital has got us into thismess, and it’s primarily anti-capitalist solutions, we believe, that will extract us. Just what form these will take is open to debate – and this debate is just what we need to be able work our way forwards.“
Ein Emailforum bietet die Plattform für den intensiven Austausch über umweltpolitische und -wissenschaftliche Erkenntnisse und Entwicklungen, die zum Teil auch in den monatlichen Treffen diskutiert werden. Gemeinsam mit der Australischen Lehrer-Gewerkschaft (Australian Education Union, aeusa.asn.au) organisierte die Gruppe Anfang Oktober eine „Climate Emergency Conference“ mit rund 250 Teilnehmern aus dem Bildungssektor in Südaustralien und hochrangigen Umweltwissenschaftlern.
Aus dieser Konferenz, von Journalisten als „A tipping point for the climate action movement“ bezeichnet, bildete einer Reihe von Umweltinitiativen in Adelaide in den letzten Wochen den Dachverband Climate Emergency Action Network (CLEAN, cleansa.org.au), der diesen Impuls durch Aktion und Information in der Öffentlichkeit weiter tragen will. Im Vergleich zu den in anderer Hinsicht sehr aktiven Umweltverbänden spannend ist der Fokus dieser Aktionsgruppe über die direkte „Bewahrung der Umwelt“ hinaus auf einen klaren Paradigmenwandel in Wirtschafts- und Sozialpolitik.
Mindestens ebenso radikal wie bei den „EcoSoc’s“ ist der Ansatz der „Ecofaith Worshipping Community“ in Adelaide (ecofaith.org). Ort und Liturgie reflektieren bewusst, „how the stories of the evolution and ecology of creation can nourish and challenge our faith in the Creator.“ „A Walk in the Park“ fasst den Ablauf der sonntäglichen Gottesdienstfeiern am besten zusammen: Eröffnungsgebet zum Gott der 70.000 Millionen Millionen Millionen Sterne, Meditation („God is love“), Erinnerung an Aboriginal Jahreszeiten, Fürbittgebete in alle vier Himmelsrichtungen, meditativer Gang durch den Park und im Kreis der Gemeinde, Gebet und Sendung. Die Gottesdienstgemeinde kommt aus allen Himmelsrichtungen christlicher Konfessionen, auch wenn sie ihren Ursprung in einer presbyterianischen Gemeinde in Adelaide hatte (Scots Church), die mit Dr. Jason John einem Pfarrer der Uniting Church in Australia die Grundlage für diese Initiative für drei Jahre finanzierte. Mittlerweile auf eigene Beine gestellt, nimmt die Gruppe zunehmend Einfluss auf die theologische Reflektion in der Uniting Church (ein Zusammenschluss der Methodisten, der Presbyterianer und der Kongregationalisten zur drittgrössten Konfession in Australien seit 1977). Ökologie und Theologie sind – zumindest für Insider – in Australien keine Fremdwörter oder sich gegenseitig ausschliessende Themen.
Auch wenn die Ecofaith Worship Community mit der Wahl ihrer „Kirche“ im Botanischen Garten in Adelaide einen extremen Weg geht, greifen viele Gemeinden vor Ort auf die eine oder andere Weise dieses Thema auf. Einer der profiliertesten Theologen mit diesem Fokus ist der Lutheraner Norm Habel, der u.a. mit Jason John für Gemeinden aller Konfessionen landesweit im Monat September die „Season of Creation“ als australische Version des Erntedankfestes propagiert (seasonofcreation.com). Nach einer orthodoxen Tradition gilt der 1. September als der erste Tag der Schöpfung. An den folgenden sechs Sonntagen soll nicht nur das Erntedankfest (wie in deutschen Kirchen traditionell am 1. Sonntag im Oktober) gefeiert werden, sondern auch den vier Domains der Schöpfung gedacht werden, in diesem Jahr zu Themen wie Wald (Mallee), Land, Outback, Flüsse, Soziale Gerechtigkeit und die Segnung von Menschen und Tieren. Die ausführliche Website dokumentiert Theologie und Liturgie, aber auch entsprechende ökologische Themen; sie ist ein Besuch wert.

Mural "Season of Creation" by Rae Kempe, St. Stephens Lutheran Church Adelaide 2008 (Foto: Colin F Hentschke)
Für die lutherische Heimatkirche von Norm Habel gestaltete die Künstlerin Rae Kempe auf einem Wandgemälde (Mural) Szenen aus der Umwelt Australiens, dem Outback, den Flüssen, Tier und Mensch. Das Gemälde auf Endlospapier umspannte die gesamte Innenwand der Kirche, in der auch wir zum Gottesdienst gehen, und an jedem der vier Sonntage fanden sich dort andere Einzelheiten – eine besondere Erfahrung des Gottesdienstes.

"Season of Creation" 2008 -- Wandgemälde von Rae Kempe in the Lutherischen Kirche St. Stephens, Adelaide (Foto: Colin F Hentschke)
Wie schon gesagt, der Neuankömmling in diesem Land muss sich an viel Neues gewöhnen. Obwohl sich Australien zu den westlichen Gesellschaften zählt und nicht zu den asiatisch-pazifischen Nachbarn, und obwohl es die eigene – und zu gleich die älteste – Kultur der Aborigines auch heute noch aus dem eigenen kulturellen Bewusstsein weitgehend ausblendet, lässt sich Umwelt nicht verleugnen, in der wir hier leben. Aber vielleicht kommt es ja mit der einem stärkeren Umweltbewusstsein auch zu einer wirklichen Versöhnung mit den „First Nation People“ auf diesem Kontinent
Erstellt: 14. Oktober 2008 in der Kategorie Kultur & Gesellschaft.
Tags: Umwelt & Natur, Umwelttheologie
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